Die Mapuche sind ein indigenes Volk Mittel- und Südchiles und der angrenzenden Gebiete Argentiniens. Ihr Name bedeutet in ihrer Sprache Mapudungun „Volk der Erde“ (mapu – Erde, Land, che – Menschen). Man erinnert sich an sie als ein Volk, das sich jahrhundertelang erfolgreich allen Eroberern widersetzte: Sie hielten den Vormarsch der Inka auf, führten mehr als dreihundert Jahre lang Krieg gegen die Spanier und bewahrten ihre Unabhängigkeit südlich des Biobío bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, als ihr Land von den Armeen Chiles und Argentiniens erobert wurde.
Das Volk der Erde
Die Mapuche hatten nie einen einheitlichen Staat oder einen einzigen Herrscher. Grundlage der Gesellschaft war die Familiengemeinschaft, der lof, an deren Spitze ein Häuptling stand, der lonko; mehrere Gemeinschaften konnten sich zu größeren Bündnissen zusammenschließen, und nur in Kriegszeiten wählten sie einen gemeinsamen Heerführer, den ToquiKriegsführer, den die Gemeinschaften der Mapuche nur für die Dauer eines Krieges wählten; mit dem Ende des Krieges endete auch seine Macht. Als Zeichen seiner Würde trug er eine Steinaxt, den toki.. Gerade diese Zersplitterung war ihre größte Stärke: Es gab keine Hauptstadt, mit deren Eroberung das ganze Volk unterworfen gewesen wäre, wie es bei den Azteken und den Inka geschah.
Sie lebten von Ackerbau, Viehzucht, Jagd und Sammeln, in Häusern aus Holz und Stroh, die ruka heißen. Im religiösen Leben kommt der MachiHeilerin und geistige Mittlerin der Gemeinschaft, meist eine Frau. Die Machi heilt Krankheiten, deutet Träume und leitet die Zeremonien; Zeichen ihres Amtes sind der rewe – ein Holzpfahl mit eingekerbten Stufen – und die rituelle Trommel kultrun. eine besondere Stellung zu, der Heilerin und Mittlerin zwischen den Menschen und der Welt der Geister; die wichtigste gemeinsame Zeremonie ist der ngillatun, ein Gebet um Fruchtbarkeit und das Wohl der Gemeinschaft. Im 18. und 19. Jahrhundert entwickelten sie zudem eine unverwechselbare Silberschmiedekunst, aus der prächtiger Schmuck und Zierrat für Pferde entstanden.
Die Inka am Maule
Ende des 15. Jahrhunderts dehnten die Inka ihr Reich auf das heutige Nord- und Mittelchile aus. Nach Inca Garcilaso de la Vega stieß das Inka-Heer am Fluss Maule auf den heftigen Widerstand der Völker, die die Spanier später Promaucaes nannten, und gab nach einer mehrtägigen Schlacht jede weitere Eroberung auf. Historiker streiten heute darüber, wo und wann genau diese Schlacht stattfand, sind sich aber in einem einig: Die Südgrenze des Inkareichs blieb irgendwo zwischen dem heutigen Santiago und dem Maule, und die Völker südlich davon bewahrten ihre Unabhängigkeit.
Lautaro und der Beginn des Arauco-Krieges
Der spanische Konquistador Pedro de Valdivia gründete 1541 Santiago und zog dann nach Süden, wo er Concepción und eine Reihe weiterer Städte und Festungen auf dem Land der Mapuche errichtete. Den Widerstand führte Lautaro (auf Mapudungun Leftraru), ein junger Mann, der als Junge gefangen genommen worden war und jahrelang als Valdivias Stallknecht gedient hatte. In dieser Zeit lernte er reiten und lernte die spanische Kriegführung kennen; dann floh er zu seinem Volk.
Lautaro zeigte den Mapuche, wie man gegen Reiter und Gepanzerte kämpft: Sie griffen in Wellen an, lösten ermüdete Abteilungen durch ausgeruhte ab und wählten Gelände, auf dem Pferde nutzlos waren. Am Weihnachtstag 1553 schlugen die Mapuche bei der Festung Tucapel Valdivias Truppe; der Gouverneur wurde gefangen genommen und bald darauf hingerichtet. Es folgten weitere Siege und ein Feldzug in Richtung Santiago, doch im April 1557 fiel Lautaro bei einem Überraschungsangriff der Spanier am Mataquito. Sein Name blieb ein Symbol des Freiheitskampfes – nach ihm wurde Jahrhunderte später die Logia Lautaro benannt, ein Geheimbund von Kämpfern für die Unabhängigkeit der südamerikanischen Staaten.
Nach Lautaros Tod führte der Toqui Caupolicán den Widerstand. Er wurde 1558 gefangen genommen und in Cañete gepfählt, wie die Chronisten berichten. Den damals begonnenen Krieg nannten die Spanier nach der Region Arauco den Arauco-Krieg, und die Mapuche nannten sie Araukaner.
Galvarino
Keine Geschichte des Arauco-Krieges ist so im Gedächtnis geblieben wie die von Galvarino. Im November 1557 stieß bei Lagunillas, am Südufer des Biobío unweit seiner Mündung, das Heer des neuen Gouverneurs García Hurtado de Mendoza auf Mapuche-Krieger. Unter den rund 150 Gefangenen war auch Galvarino, ein Krieger, der zuvor unter Lautaro gekämpft hatte. Zur Strafe für den Aufstand ließ der Gouverneur einem Teil der Gefangenen die rechte Hand und die Nase abschlagen, Galvarino aber beide Hände. Danach ließ man die Gefangenen frei, damit ihr Anblick die übrigen Mapuche abschrecke und die Botschaft überbringe, dass Widerstand zwecklos sei.
Galvarino tat genau das Gegenteil. Er kehrte zu Caupolicán und dem Kriegsrat zurück, zeigte seine verstümmelten Arme und rief zu einem noch größeren Aufstand auf. Für seinen Mut erhielt er der Überlieferung nach das Kommando über eine Abteilung. Volkstümliche Überlieferungen erzählen auch, er habe mit an die Handgelenke gebundenen Messern gekämpft – das Bild, für das er heute am bekanntesten ist, das zeitgenössische Quellen aber nicht verlässlich bestätigen.
Gut drei Wochen später, am 30. November 1557, siegten die Spanier erneut in der Schlacht von Millarapue, und Galvarino geriet wieder in Gefangenschaft. Die Quellen schildern seinen Tod unterschiedlich: Der Chronist Jerónimo de Vivar schreibt, er sei den Hunden vorgeworfen worden, während der Dichter und Soldat Alonso de Ercilla, der selbst an diesem Feldzug teilnahm, in seinem Epos La AraucanaEpos von Alonso de Ercilla, in drei Teilen zwischen 1569 und 1589 veröffentlicht. Ercilla kämpfte als Soldat im Krieg gegen die Mapuche und beschrieb ihre Anführer voller Bewunderung; durch ihn wurden Lautaro, Caupolicán und Galvarino in ganz Europa bekannt. behauptet, er sei gehängt worden. Ercilla beschreibt auch, wie er versuchte, ihm das Leben zu retten, doch Galvarino lehnte die Gnade ab und blieb bis zuletzt trotzig.
Galvarino wurde zu einem bleibenden Symbol des Widerstands der Mapuche. Nach ihm ist auch die Gemeinde Galvarino in der chilenischen Region Araukanie benannt, und seine Geschichte wird bis heute als Beispiel des Trotzes gegenüber einem übermächtigen Feind erzählt. Diese Geschichte als Kurzvideo ansehen
Curalaba und die Grenze am Biobío
Die Mapuche übernahmen rasch das Pferd von ihren Feinden und wurden hervorragende Reiter, und der Krieg ging auch nach dem Tod der großen Anführer weiter. Der entscheidende Schlag fiel am 23. Dezember 1598 bei Curalaba, wo Krieger unter dem Toqui Pelantaro die Truppe des Gouverneurs Martín García Óñez de Loyola überraschten und vernichteten; auch der Gouverneur selbst fiel. Es folgte ein allgemeiner Aufstand, in dem binnen weniger Jahre fast alle spanischen Städte südlich des Biobío zerstört oder aufgegeben wurden – ein Ereignis, das in der Geschichte Chiles als „Zerstörung der sieben Städte“ in Erinnerung blieb.
Die spanische Krone musste sich schließlich mit der Wirklichkeit abfinden. Auf dem Parlament von Quilín im Januar 1641 wurde der Biobío als Grenze und das Land südlich davon als Land der Mapuche anerkannt. Kriege gab es mit Unterbrechungen auch danach, doch die Beziehungen wurden immer öfter durch Verhandlungen auf großen Parlamenten und durch den Handel über die Grenze geregelt. Die Mapuche blieben eines der wenigen indigenen Völker Amerikas, die Spanien nie unterwerfen konnte.
Die Besetzung der Araukanie und die Mapuche heute
Die Unabhängigkeit der Mapuche beendeten erst die jungen Staaten, die auf den Trümmern des spanischen Reiches entstanden. Chile besetzte die Araukanie zwischen 1861 und 1883 militärisch, und Argentinien unterwarf in der sogenannten Wüstenkampagne (1878–1885) die Mapuche und die anderen Völker der Pampa und Patagoniens. Die Mapuche wurden danach in Reservate umgesiedelt, auf einen kleinen Teil ihres früheren Landes, während der Rest an Siedler und Großgrundbesitzer verteilt wurde.
Die Mapuche haben dennoch überlebt. Bei der chilenischen Volkszählung 2017 bezeichneten sich 1.745.147 Menschen als Mapuche, fast acht von zehn Angehörigen indigener Völker im Land, und mehr als hunderttausend leben auch in Argentinien. Viele sprechen noch heute Mapudungun, bewahren ihre Zeremonien und kämpfen um die Rückgabe ihres Landes, und die Namen Lautaro, Caupolicán und Galvarino sind weiterhin ein Symbol eines Widerstands, der mehr als drei Jahrhunderte dauerte.







